07. Mai 2026

Tag des Religionsunterrichts erstmals als Barcamp zur Demokratiebildung


Auf dem Campus der Universität des Saarlands hat der 9. Tag des Religionsunterrichts stattgefunden. Erstmals wurde die ökumenische Fortbildungsveranstaltung für Religionslehrkräfte als Barcamp durchgeführt – die Teilnehmenden konnten sich und ihre Ideen und Fragen in den Tagesablauf einbringen.

Saarbrücken. Eine Lounge mit gemütlichen Sofas und Schallplattenspieler, mehrere Kaffee-Spots, eine Terrasse für die Pausen – nicht unbedingt Angebote, die man bei einer Lehrerfortbildung erwarten würde. Beim ersten „Relicamp“, wie die diesjährige ökumenische Weiterbildungsveranstaltung für Religionslehrkräfte an der Universität des Saarlandes betitelt wurde, gehörte die Wohlfühlatmosphäre zum Konzept.

Zum neunten Mal haben die evangelischen Landeskirchen Rheinland und Pfalz, die katholischen Bistümer Trier und Speyer sowie die theologischen Fachrichtungen an der Saar-Uni und die Religionslehrerverbände in Kooperation mit dem Institut für Lehrerfort- und weiterbildung (ILF) den „Tag des Religionsunterrichts“ auf dem Saarbrücker Uni-Campus ausgerichtet.

Erstmalig wurde die Fortbildung als sogenanntes „Barcamp“ veranstaltet, als offenes Veranstaltungsformat, bei dem Teilnehmende sich auch spontan mit ihren Fragen in das Tagungsprogramm einbringen und ihr Wissen niedrigschwellig mit anderen teilen können. Im digitalen Bereich inzwischen etabliert, ist das Format für den Religionsunterricht noch Neuland – und durchaus ein Wagnis. Denn niemand weiß im Vorfeld, welche Themen von den Teilnehmenden mitgebracht werden. Oder – wie es Thomas Mann von ILF in seiner Vorstellung des Tagungsformats formulierte: „Wenn es hinterher nichts war, sind wir selbst daran schuld.“ Weil alle zählen, ganz basisorientiert.

Passend dazu stand unter dem klingenden Titel „Demokratie fällt nicht vom Himmel“ die Rolle des Religionsunterrichts für die Demokratiebildung an Schulen im Vordergrund. Dass die Wahl des Veranstaltungsformats angesichts des Mottos durchaus auch symbolische Bedeutung hatte, kam an diesem Tag mehrmals zur Sprache.
Ein Barcamp lebe von Prinzipien, die für die Demokratie wesentlich sind, sagte Ministerialrat Rainer Groß vom saarländischen Ministerium für Bildung und Kultur als Vertreter der Bildungsministerin in seinem Grußwort. „Sie sprechen nicht nur von Demokratie, sie leben sie“, betonte Groß, der außerdem die Bedeutung des Religionsunterrichts für die Gewissensbildung junger Menschen hervorhob.
Dass im Religionsunterricht die Haltung vermittelt werde, dass jeder Mensch zähle, betonte Dr. Bettina Reichmann, Leiterin der Abteilung Religionsunterricht im Bistum Speyer. Demokratie beginne dort, so Reichmann, „wo Kinder lernen: Meine Stimme zählt, aber nicht nur meine“.

Thema und Format sind attraktiv, wie die gute Resonanz des „Relicamps“ belegt, über die sich Karolina Engel vom ILF besonders freue. Rund 100 Teilnehmende aus allen Schulformen hätten sich angemeldet, darunter erfreulicherweise ungefähr ein Viertel Studierende. „Es gibt sehr viel Zeit für Austausch. Das ist der Grund, weswegen die Menschen heute da sind – um miteinander ins Gespräch zu kommen“, sagte Engel.

Dem voraus geht aber erstmal eine gemeinschaftliche Planung der thematischen Gesprächsrunden, sogenannter Sessions, die über den Tag verteilt angeboten wurden. Zunächst etwas zögerlich angelaufen, füllte sich die Pinnwand mit den Sessions dann doch recht schnell.
Es sind ganz unterschiedliche Bereiche, die in den Sessionsräumen im Innovations Center auf dem Uni-Campus zur Sprache kommen, vom neuen Gottesbezug in der Präambel der Saar-Verfassung über Rassismus und Antisemitismus in der Schulgemeinschaft, Methoden zur Beteiligung der Schülerschaft in der Grundschule, bis hin zur ganz praktischen Frage, wie beispielsweise das „Leseband“, die verpflichtende Lesezeit an bestimmten Schulformen, ohne Reibungsverluste in den Unterrichtsalltag integriert werden kann.

Eine Frage, die in mehreren Sessions aufgeworfen wird: Ist Religionsunterricht noch zeitgemäß? Es ist eine Frage, mit der sich viele der anwesenden Religionslehrkräfte im Alltag konfrontiert sehen. Hier zeigt sich ein Pluspunkt des Barcamps: Es ist sehr niederschwellig, die Atmosphäre gediegen, die Teilnehmenden – es wird sich geduzt, von der Studentin bis zum Schulleiter – begegnen sich ohne Berührungsängste. Jemand wirft eine Frage auf, ein anderer Teilnehmer fängt den Ball auf, kommentiert, gibt Tipps, berichtet von eigenen Erfahrungen.

Das Barcamp-Format hat sich aus Sicht vieler Teilnehmenden bewährt. Das sieht auch Noemi Becker, die derzeit noch Religion und Geschichte auf Lehramt studiert. Sie hat sich in der ersten Sessions-Runde für das Thema „Sollen Christen politisch sein? / Politische Haltung im Religionsunterricht“ entschieden, weil man mit diesen Fragen im Unterricht immer wieder konfrontiert werden werde. Sie selbst möchte später an einer Gemeinschaftsschule unterrichten und freut sich auch darauf, in der Erwartung, dass dort viele verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Aber wie dann in der Praxis des Religionsunterrichts damit umgehen, wenn beispielsweise eine Schülerin mit einem „Free Palestine“-Shirt in die Schule kommt? „Da steht man dann und wird ins kalte Wasser geworfen“, sagt Becker. Mit dieser Ansicht ist sie nicht allein. „Wir werden für das Fach ausgebildet, aber nicht für den eigentlichen Beruf, denn da sind wir auch Erzieher, Streitschlichter, alles in einem“, findet auch ihre Kommilitonin Lana Peters. Viele Teilnehmende äußern sich an diesem Tag ähnlich.
Becker und Peters würden sich freuen, wenn Veranstaltungen wie das „Relicamp“ dazu beitragen würde, das Lehramtsstudium nochmal grundsätzlich zu überdenken.





Zurück