05. August 2021

Nach der Flut: EKiR bringt Hilfesuchende und Hilfsgeber zusammen


Ein gutes Dutzend Ruhestandspfarrerinnen und -pfarrer hat der Krisenstab der Evangelische Kirche im Rheinland gewonnen: Sie sind bereits in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten im Einsatz, um Hilfsangebote und Hilfsbedarf zueinander zu bringen.

Welche Hilfe braucht seine Gemeinde jetzt nach der Hochwasserkatastrophe? Thomas Richter, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler, muss nicht lange nachdenken: „Einen Gutachter, der die Räume der Kita untersucht; ob das Wasser, das im Haus stand, kontaminiert war“, antwortet er.

Die Frage nach der Hilfe hat Edwin Jabs gestellt. Der pensionierte Pfarrer war vor seinem Ruhestand für die psychologischen Beratungsstellen in der Evangelischen Kirche im Rheinland zuständig. Jetzt ist er im Auftrag des Landeskirchenamtes in die Gemeinde im Kirchenkreis Jülich gekommen, um zu hören, welche Hilfe jetzt konkret gebraucht wird. Der Krisenstab der Landeskirche hat ein gutes Dutzend Pfarrerinnen und Pfarrer im Ruhestand gewonnen, die jetzt als „Maklerinnen“ und „Makler“ in die von der Unwetterkatastrophe heimgesuchten Regionen der rheinischen Kirche reisen, um Hilfsangebote und Hilfebedarf zueinander zu bringen. Die Spendenbereitschaft der Menschen in Deutschland ist groß. Nun kommt es darauf an, dass vor Ort auch das ankommt, was tatsächlich gebraucht wird. Jabs und seine Kolleginnen und Kollegen kümmern sich darum.

Gemeinde hat zeitnah Soforthilfe an Flutopfer ausgezahlt

Richter, der auch Vorsitzender des Presbyteriums, des Leitungsgremiums der Gemeinde, ist, erzählt von der Flutnacht. Er berichtet von beherzten Menschen, die mit eilends herangeschafften Torfsäcken die historische Dreieinigkeitskirche geschützt haben. Der Pfarrer erzählt von einem jungen Bauern aus dem 40 Kilometer entfernten Monschau, der die ganze Nacht lang die Tiefgarage des gemeindeeigenen Wohnhauses, in dem auch ein Verein die Kita betreibt, mit seiner Traktorpumpe ausgepumpt hat – eine Million Liter Wasser. Thomas Richter schildert die Schlange der Menschen vor dem Gemeindehaus, denen er dank der Soforthilfe der Diakonie ein Handgeld auszahlen konnte. Auf die zweite Tranche des Geldes wartet er noch. Makler Jabs notiert sich, dass er bei der Diakonie nachhakt. Schließlich stehen viele Menschen in Eschweiler nun ohne Hab und Gut da.

Steckt jetzt Heizöl in den Wänden?

Die frisch eingerichtete Jugendetage im Keller des Gemeindehauses stand 1,80 Meter unter Wasser. Ein Gutachter war schon da und hat Probebohrungen gemacht, um zu sehen, ob der Kellerboden noch zu retten ist. Helferinnen und Helfer haben Schlamm und Wasser zügig aus der Dreieinigkeitskirche geschafft. „So viele haben geholfen“, sagt Richter, „das ist toll!“ So sieht es jetzt im Kirchenschiff fast wieder so aus, als sei nichts geschehen. Trotz aller Schäden sei man mit zwei blauen Augen davongekommen. Immerhin habe man keine Todesopfer zu beklagen wie an anderen Orten. Wie die notwendigen Sanierungen finanziert werden können, müsse man sehen. Doch vorher muss erst einmal klar sein, was gemacht werden muss; deshalb die Frage nach dem Gutachter. Denn wenn zum Beispiel Heizöl mit im Wasser war, müsse vermutlich viel mehr gemacht werden.

Archiv-Akten liegen zum Trocknen in der Kirche

Verunreinigungen des Wassers bereiten auch Dagmar Leonards von der Kirchengemeinde Inden-Langerwehe Sorgen. Edwin Jabs trifft die Baukirchmeisterin im Gemeindezentrum in Inden. Dort hatte die sonst so schmale Inde große Teile des Ortes, der in den 1990-er Jahren durch die Umsiedlung für den Braunkohletagebau entstanden ist, überflutet – auch das 1998 fertig gestellte Gemeindezentrum. Der Keller stand komplett unter Wasser. Im Erdgeschoss waren es noch zehn Zentimeter. Teile des Gemeindearchivs wurden völlig durchweicht. Notdürftig gereinigt liegen die historischen Akten auf dem Boden des Kirchsaals – die Fußbodenheizung, die mit Fernwärme gespeist wird, läuft inzwischen wieder. Makler Jabs wird einen Kontakt zum landeskirchlichen Archiv herstellen. Möglicherweise können die Fachleute dort der Gemeinde bei der Sicherung des Bestands weiterhelfen. Auf den Bedarfszettel kommen noch Bautrockner. Die Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe hat reichlich Geräte beschafft. Acht davon werden nun in Inden gebraucht. Auch über Menschen, die jetzt Seelsorge brauchen, wird in der Runde gesprochen.

Maklerinnen halten langfristig Kontakt

Das Gemeindebüro ist inzwischen ins unversehrt gebliebene Gemeindezentrum im Ortsteil Langerwehe umgezogen. Alle Gottesdienste und Gruppen werden dort stattfinden können. Für Dagmar Leonards und Mitglieder des Presbyteriums, die beim Ortstermin dabei sind, ist das ein Segen. Bleibt die Frage nach dem Wasser: „Die Inde hat Durchfallbakterien mit sich geführt“, sagt die Baukirchmeisterin: „Jetzt muss ein Gutachter klären, ob auch Heizöl oder ähnliches drin war, das Boden und Wände verseucht haben könnte.“ Der Fachmann für die chemische und mikrobiologische Untersuchung wird am nächsten Tag kommen. Den hat Dagmar Leonards besorgt. Die ehrenamtliche Baukirchmeisterin ist Architektin am Ort und hat entsprechende Kontakte. Den lässt sich Edwin Jabs direkt geben, um ihn an Thomas Richter im nicht weit entfernten Eschweiler weiterzugeben. So läuft das Makeln. „Wir sind mit einem hellblauen Auge davongekommen“, bilanziert die Baukirchmeisterin. Dennoch wird Jabs wiederkommen und Kontakt halten – wie seine Kolleginnen und Kollegen in den anderen Kirchenkreisen und Gemeinden auch, denn: Die notwendige Sanierung ist eine längerfristige Sache – so wie die Seelsorge und Unterstützung für die anderen Flutopfer im Ort.

Jens-Peter Iven/EKiR





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