31. Oktober 2021

Gedanken zum Reformationstag


Zum Reformationstag aus katholischer Sicht. Ein Gastbeitrag von Pfarrer Matthias Marx

Als der große Komponist Felix Mendelssohn vor knapp 200 Jahren eine neue Sinfonie erstmals aufführte, nannte er sie: „Sinfonie zur Feier der Kirchen-Revolution“. Heute ist sie bekannt als „Reformationssinfonie“, doch Mendelssohn wollte eben nicht etwas „über“ die Reformation ausdrücken, sondern eben eine Revolution feiern. Der evangelisch Getaufte mit starken jüdischen Wurzeln war damals Anfang zwanzig. Seine ganze Sinfonie strebt hin zu einem großen Zitat: Luthers Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Kaum ein Gottesdienst zum Reformationsfest lässt dieses „Kampflied“ aus.

Als katholischer Geistlicher denke ich heute besonders über dieses Lied nach, das naturgemäß (?) nicht in unserem Gesangbuch steht.
Luther hatte als Ausgangspukt Psalm 46, also einen Gedicht-Gesang Israels. Und wenn er gleich im ersten Abschnitt vom „alt bös Feind“ spricht, dessen Macht und List „auf Erd ist nicht seinsgleichen“, steht dahinter Israels Bedrohung von allen Seiten, aber damals, vor 500 Jahren auch Luthers Gegnerschaft.
Heutzutage allerdings, in Zeiten der Ökumene, haben wir katholische und evangelische Geschwister eine Unzahl gemeinsamer Feinde: Ignoranz, Fake-News, Rassismus, Populismus, fahrlässige und menschenverachtende Zerstörer der gesamten Schöpfung. In diesem Licht klingen Luthers Worte neu: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren“.

Tatsächlich ist das Gefühl der Ohnmacht groß in beiden Kirchen, und deshalb ebenso die gemeinsame Sehnsucht nach Rettung. Da ist es völlig unangebracht, wenn die einen sagen, Evangelisch-Sein bedeute nichts anderes, als einem ethischen Verein anzugehören, und umgekehrt, das Katholische hieße nur seltsamen Ritualen zu folgen.
Luther beantwortet die Frage nach der Rettung eindeutig: „Er heißt Jesus Christ, und ist kein andrer Gott, das Feld muss er behalten.“ Wirklich in Jesus verankert, und nur dann, brauchen wir uns nicht allzu sehr fürchten „und wenn die Welt voll Teufel wär“. Das scheint sie oft genug zu sein – deshalb brauchen wir in beiden Konfessionen ein starkes Vertrauen, dass Gott „uns Zukunft und Stärke“ ist, vor allem gegen den „Teufel“ der Resignation und den ebenso schlimmen der Abschottung ins eigene Territorium.

Das wäre eine schöne Revolution, auch in Mendelssohns Sinne, wenn wir uns alle reformieren ließen, und 500 Jahre nach den Ereignissen in Wittenberg bestätigen wollten, was Papst Franziskus 2017 so sagte: „Wir sind dankbar, weil wir nach Jahrhunderten gegenseitigen Misstrauens nun anerkennen, dass die fruchtbare Gnade Christi auch in den anderen am Werk ist.“ Das heißt: den Schatz im Acker des anderen entdecken und gemeinsam für die Menschen, für die Umwelt da sein.
Zu Luthers Zeiten schien die Gnade Gottes käuflich, und viele Amtsträger waren tatsächlich käuflich. Heute darf es uns wirklich alle Kräfte kosten, ist es jeden Einsatz wert, dass die Frohe Botschaft Jesu Christi gemeinsam weitergesagt wird. Die feste Burg hat alle Fenster und Tore weit offen stehen – für jedes Lebewesen.

Matthias Marx, Pfarrer





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