13. Januar 2020

Diakonie-Präsident mahnt stärkeres Miteinander von Kirche und Diakonie an


Das Verhältnis zwischen Kirche und Diakonie sowie deren Herausforderungen in einer zunehmend differenzierten Gesellschaft hat Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, ins Zentrum eines Vortrags auf der Landessynode 2020 in Bad Neuenahr gerückt.

Kirche und Diakonie müssten neue und vor allem gemeinsame Wege gehen, um den diakonischen Auftrag auch künftig erfüllen zu können. Wenn das gelinge, könne eine Kultur der Menschenfreundlichkeit geschaffen werden – über Weltanschauungen und Religionen hinweg.


„Erschütternder Fall unterlassener Hilfeleistung“

Wie wichtig dies sei, verdeutlichte er an einem „erschütternden Fall unterlassener Hilfeleistung“, der 2016 in Essen stattfand. Damals brach ein 82-Jähriger bewusstlos vor einem Geldautomaten zusammen. Die Videos der Überwachungskameras zeigen, wie in den folgenden 20 Minuten vier Menschen achtlos an ihm vorbeigehen, erst der Fünfte holt Hilfe. „Ich bin davon überzeugt, dass wir eine gemeinsame Verantwortung haben, dass so etwas nicht vorkommt“, betonte Ulrich Lilie. Gleichgültigkeit und Abstumpfung dürften sich nicht ausbreiten. Die Gesellschaft brauche Orte der Menschenfreundlichkeit, wie Jesus Christus sie vorgelebt habe. „Kirche und Diakonie können solche Orte schaffen und mitgestalten.“ Schließlich gehöre es zur jüdisch-christlichen DNA, kooperativ und am Gemeinwohl orientiert zu handeln. Dabei trage Diakonie und Kirche Verantwortung für alle, nicht nur Christinnen und Christen.


Diakonie und Kirche müssen neue Wege aufeinander zu gehen

In diesem Zusammenhang müssten Kirche und Diakonie jedoch neue Wege gehen und das Verhältnis zueinander neu definieren. Dabei seien sie nicht gefeit vor den gesellschaftlichen Veränderungen: Globalisierung, Digitalisierung, die steigende soziale Ungleichheit in einem älter werdenden Deutschland. Durch Migration entstehe zudem eine differenziertere, religiös vielfältigere Gesellschaft, die ohnehin säkularer werde. „Empathie und Solidarität haben einen schweren Stand.“ Deshalb ist Ulrich Lilie überzeugt, dass das 21. Jahrhundert eines der Kooperation sein müsse. „Anders können wir die Probleme der Menschheit, Deutschlands und von Kirche und Diakonie nicht lösen.“


Herausforderung: Als schrumpfende Kirche präsent und wirksam bleiben

Die Herausforderung sei, als kleiner werdende Kirche in der Fläche präsent und gesellschaftlich wirksam zu bleiben. „Wir sind gut beraten, unsere Stärken und Kompetenzen von Diakonie und Kirche noch gesellschaftsdienlicher zu nutzen.“ Zu überwinden sei auch die häufig zu hörende Unterscheidung „Hier die Kirche und der Gottesdienst, da die diakonische Praxis und der Menschendienst“. Denn dies schwäche als wenig überzeugendes Nebeneinander das öffentliche Erscheinungsbild. Wenn man lerne, die unterschiedlichen Kompetenzen zusammenzudenken, könnten die neuen Fragen mit anderer Überzeugungskraft beantwortet werden. Ulrich Lilie möchte deswegen auch die Synode aufrütteln: „Noch können wir das. Noch sind wir mit unseren Gotteshäusern und diakonischen Einrichtungen überall im Land präsent.“


Fundamentale Unterschiede zwischen Diakonie und Kirche

Der Diakonie-Präsident ist sich jedoch bewusst, dass ein „Zusammen“ schon aufgrund der fundamentalen organisatorischen und institutionellen Unterschiede von Kirche und Diakonie herausfordere. „Sehr viel stärker als Kirche unterliegt Diakonie etwa den ökonomischen, rechtlichen und fachlichen Anforderungen einer modernen Gesellschaft.“ Die Professionalität der diakonischen Einrichtungen könne auf Gottesdienstgemeinden befremdlich wirken. „Erst recht, wenn nicht nur Klientel, sondern auch die Mitarbeitenden nicht mehr nur christlich sozialisiert sind.“ Dennoch ist er überzeugt: „Es gilt, diese Unterschiede anerkennen zu lernen.“


„Kirche mit Zukunft öffnet und verändert sich“

Das bedeute aber nicht, sich mit der Ausgliederung der professionalisierten Diakonie aus dem Gemeindeleben abzufinden. Denn: Der Dreiklang Kirche, Diakonie mit anderen habe viel Potenzial. „Diakonie und Kirche können in einer säkularisierten und multireligiösen Gesellschaft Teil der Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen sein.“ Eine diakonische Kirche mit Zukunft öffne die Türen – und verändere sich strukturell, „das ist gut so“. Schließlich habe schon Apostel Paulus geschrieben: „Prüfet alles. Das Gute behaltet!“ (1. Thessalonicher 5, 21).





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