28. Juli 2017

Tief bewegt vom Engagement der Christen im Ostkongo


Nicht das Leid, sondern die Überwindung des Leides steht im Mittelpunkt allen Engagements der Baptistischen Kirche im Ostkongo. Das hat die rheinische Oberkirchenrätin Barbara Rudolph bei ihrem Kongo-Besuch erfahren. Das bewege sie tief, sagt sie im Interview.

Die "Baptistische Kirche im Zentrum Afrikas" (CBCA), so ihr Eigenname,  ist seit 1979 im Verbund der Vereinten Evangelischen Mission (VEM). Das Kirchengebiet liegt im Ostkongo, im Grenzgebiet zu Uganda, Ruanda, Burundi und Tansania. Gerade diese Region des Kivu ist instabil und wird immer wieder Schauplatz von blutigen Auseinandersetzungen zwischen der kongolesischen Armee und bewaffneten Gruppen. Viele Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Unzählige Frauen und Mädchen wurden Opfer sexueller Gewalt und anderen Menschenrechtsverbrechen. Partnerschaftsbeziehungen bestehen zwischen dem Kirchenkreis Goma und dem Kirchenkreis Saar-West, dem Kirchenkreis Kalungu und dem Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch sowie dem Kirchenkreis Muku und dem Kirchenkreis Altenkirchen.


Wieviel Saar-West haben Sie in Goma entdecken können?

Wir sind mitten in Goma, an einer belebten Geschäftsstraße. Mit ihren Ständen von Kleidung, Gemüse und Handy-Zubehör ist sie typisch für die Straßen Ostafrikas. Und doch wirkt sie anders: Sie ist auf der erstarrten Lava des 2002 ausgebrochenen Vulkans Nyiaragongo errichtet und gleicht eher einer schwarz-grauen Berg- und Talbahn als einer Straße.

Unsere Gastgeber, das Partnerschaftskomitee und die Leitung des Distriktes Goma, aber lenken unseren Blick von der schwarzgrauen eigenartigen Schönheit auf ein rotes Ziegelsteingebäude: ein neu errichtetes kleines Geschäft oder ein Versammlungsraum oder eine Nähwerkstatt, je nachdem, wofür der Raum gerade gebraucht wird. Hier haben die Frauen des Distrikts einen Ort, an dem sie sich treffen und austauschen können, in der Bibel lesen und beten, Minikredite vergeben, nähen und verkaufen.

„Das haben unsere Partner im Kirchenkreis Saar-West möglich gemacht. Wir können unseren eigenen Lebensunterhalt bestreiten.“ Wie wichtig das ist für Witwen ohne Altersversorgung und Frauen, die nach der Flucht ihre heimischen Felder verloren haben, berichten uns Kavava Kihundu Henriette, die Leiterin der Gruppe, und Kahindo Wanziro Arsinata, die Kassiererin. Das ist eines der Projekte, die durch den Kirchenkreis im Saarland gefördert worden ist, neben vielen anderen Kontakten, insbesondere gemeinsam vorbereitete Partnerschaftsgottesdienste.

Besonders beeindruckt hat uns, dass durch die enge Zusammenarbeit der beiden saarländischen Kirchenkreise die jeweiligen afrikanischen Partnerschaften sich besser kennengelernt haben: Goma im Kongo, Partner des Kirchenkreises Saar-West, und Butare in Ruanda, Partner des Kirchenkreises Saar-Ost. Die beiden afrikanischen Länder haben seit den Kongokriegen im Anschluss an den Völkermord in Ruanda (1994) ein tiefes gegenseitiges Misstrauen. Im Saarland sind sich Kongolesen und Ruander durch ihre Partner begegnet und arbeiten nun zusammen für ein friedliches Zusammenleben.


Wie präsent ist Köln-Rechtsrheinisch in Kalungu?

Die Spenden des Kirchenkreises Köln-Rechtsrheinisch sind unüberhörbar: Am Ortseingang der kleinen Metropole mitten auf dem Land werden wir vom Superintendenten mit einem Bläserchor empfangen und mit peppiger Choralmusik mitten durch das Dorf und den Wochenmarkt bis zur Superintendentur geleitet.  Wenn man wissen will, was Willkommenskultur ist, muss man in den Ostkongo reisen! „Die Instrumente sind vom Kirchenkreis aus Köln gespendet worden. Seit einem Jahr üben die Bläser. Es kann noch besser werden, aber es ist ein wunderbarer Anfang“, sagt der Superintendent.

Viel stiller und ruhiger ist es auf der Entbindungsstation im Krankenhaus. Dort steht, ebenfalls vom Kirchenkreis Köln-Rechtsrheinisch gespendet, ein Ultraschallgerät zur Untersuchung der werdenden Mütter. „213 Frauen haben wir schon untersuchen können“, berichtet der Gynäkologe. Nicht nur die genaue Zahl ist bekannt, sondern auch die vielen Lebensgeschichten von Frauen, die einen Weg in die Entbindungsstation gefunden haben. „Früher mussten die Frauen 40 Kilometer weiter gehen zu einer Krankenstation. Viele haben es nicht geschafft und auch schwierige Geburten zu Hause gewagt“, erinnert sich eine Hebamme. „Es ist eine so ungeheure Erleichterung!“.

Spontan fällt mir die Weihnachtsgeschichte ein. „Sie fanden keinen Raum in der Herberge… Und sie gebar ihren ersten Sohn und legte ihn in eine Krippe.“ Gott kennt sich aus mit den Nöten von werdenden Müttern. Und der Kirchenkreis aus dem fernen Köln leistet seinen entscheidenden Beitrag.

 

Welche Altenkirchener Spuren haben Sie in Muku aufgenommen?

Altenkirchen ist bekannt für die Landjugendakademie und die besondere Sensibilität für das Leben im ländlichen Raum. Der Partnerkirchenkreis Muku ist ebenfalls ein ausgesprochen ländlicher Kirchenkreis, allerdings muss man, um alle Gemeinden zu erreichen, irgendwann Auto und Motorrad zurücklassen und die Gemeinden mitten im tropischen Wald zu Fuß aufsuchen.  Soweit schaffen wir es in der kurzen Zeit nicht, und auch der Superintendent kann die Gemeinden nicht regelmäßig besuchen. Wir erreichen Muku, das zentrale Dorf, nach einer abenteuerlichen Fahrt über schmale Sandpisten.

Umso mehr beeindruckt uns die Arbeit mit Frauen, die sich aus den umliegenden Dörfern zusammen gefunden haben, um alte landwirtschaftliche Traditionen wie das Mulchen wieder neu zu lernen. „Kolonialzeit und die Kriege haben viel Wissen verschüttet“, erklärt uns ein Agrarökonom. Er weiß um die tiefen Abbrüche und die Versuche, die Frauen wieder an einfache aber effektive Methoden der Landwirtschaft heranzuführen. Das ausgesprochen kompetente Partnerschaftskomitee diskutiert mit uns die Situation der Landwirtschaft im Kongo und in Deutschland.

 

Gibt es eine Verbindung zwischen der Nähmaschine, dem Ultraschallgerät und der neuen Entbindungsstation?

Am Ende dieser Solidaritätsreise in ein Land, das sich von der Welt vergessen wähnt, und das durch seine kirchlichen Kontakte die Menschen ermutigt – übrigens gegenseitig – bin ich bewegt und ermutigt zugleich: Die Partnerschaften, die wir gesehen haben, geben einen ungeheuren Halt in einer Zeit, in der es im Kongo kaum noch das Gefühl gibt, von der Weltgemeinschaft wahrgenommen zu werden. Aber wir stärken nicht nur Glauben und Hoffnung der Partner im Kongo. Mich bewegt bis zu dieser Stunde die Phantasie, Kreativität und Flexibilität unserer Partner, wie auch der Mut und das Vertrauen in die Zusagen Gottes. Nicht das Leid an sich, sondern die Überwindung des Leides steht im Mittelpunkt der Kirche. Das hat mich tief bewegt.

Welche Sorgen bringen Sie aus der VEM-Mitgliedskirche CBCA im Ostkongo mit?

Die Sorgen im Kongo wechseln stets. Waren es bei meinem ersten Besuch 2013 die Sorge um die Flüchtlinge, das Mandat der UN-Truppen und die Furcht vor den Rebellen in unmittelbarer Nähe der Provinzhauptstadt Goma, so steht heute im Mittelpunt aller Debatten die Frage der Wahlen, die eigentlich im Herbst 2016 hätten stattfinden sollen. Präsident Kabila hat sie ausgesetzt, um weiter an der Macht zu bleiben. Neben dieser politischen Frage äußern die Gesprächspartner vor allem den Wunsch nach Frieden. Für beide Anliegen bitten sie eindringlich, dass die Kirchen in Europa ihren Einfluss auf ihre jeweiligen Regierungen wahrnehmen, um den Druck von außen zu verstärken.

Welche Freuden konnten Sie teilen?

Überall sind wir herzlich begrüßt worden, mit Liedern, Umarmungen, offiziellen Reden und Geschenken. Der gemeinsame Glaube verbindet. Beeindruckt hat uns, wie die CBCA der Not, dem Krieg und der Armut begegnet, die diesen vergessenen Landstrich prägen. Die unzähligen  Vergewaltigungen werden nicht, wie in der Kultur eigentlich üblich, tabuisiert, sondern offen angesprochen. Junge Männer, die als Rebellen im Busch waren, werden nicht stigmatisiert, sondern zu einem zivilen Leben ermutigt. Arbeitslose Jugendliche, unversorgte Witwen, heimatlos gewordene Flüchtlinge werden mit Material und Handwerkzeug versorgt, damit sie sich einen eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Es gibt in der Kirche so viel Phantasie und Engagement, so viel waches Zuhören und couragiertes Handeln, dass wir, trotz der schlimmen Situation, ermutigt zurückgekommen sind. Die drei rheinischen Kirchenkreispartnerschaften tragen erheblich dazu bei, dass die Menschen ihren Mut und ihre Zuversicht bewahren. Das war schön zu erleben.

 

 





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